Liebe LeserInnen!
schon lange im neuen Jahr angekommen, arbeiten Maria und ich an den Vorbereitungen für die Eröffnung unseres Bio-Discounters in Friedrichshain. Noch ist er äußerlich sehr unansehnlich, wie man auf dem Foto sieht. Aufgrund der langwierigen Ausbauarbeiten wird sich die Eröffnung bis zum April verschieben. Geduld ist angesagt. Keine ganz einfache Übung, wenn das Einkommen dran hängt.
Den angekündigten Mystikkreis am 26. März im Laden verschieben wir dann mal sicherheitshalber gleich auf den April, siehe Webseite.
Die neue Wohnung in Berlin-Marzahn ist eingerichtet. Inzwischen fanden auch die ersten beiden „Klostertage“ statt mit der „Feier des Lebens“, dem Freundeskreistreffen und dem Mystikkreis. Die Teilnahme war eher spärlich, jedoch mischte sich ein neues Gesicht unter die „alten Hasen“. Es ist nun an der Zeit, Interessenten aus dem neuen Wohnumfeld zu sammeln, nachdem sich der Großteil des Freundeskreises aus Schöneberg und Umfeld verabschiedet hat. Ich bin gespannt, ob Friedrichhain einen fruchtbaren Boden bereit hält und ob sich die Leute hier im Osten Berlins von denen im Westen unterscheiden.
In Marzahn ist schon rein äußerlich der Unterschied auffällig. Die Menschen sind sich ähnlich in Farbe und Temperament, von den vietnamesischen Mitbewohnern mal abgesehen.
Alles geht hier ruhiger zu. Kaum jemand macht einen hektischen Eindruck. Die Höflichkeitsstandards funktionieren noch. Beim Verlassen des Fahrstuhls, hier noch nicht Lift genannt, wünscht man sich einen schönen Tag und ansonsten hält man sich die Haustür auf. Ein Parkplatzproblem gibt es hier nicht, denn zwischen den Wohnblöcken ist reichlich Platz, nicht nur für Parkplätze, sondern auch für Grünanlagen und Spielplätze, die, wie auch die vielen Fußwege, weniger verdreckt sind als anderswo in der Stadt.
Das in der Nähe gelegene Freizeitzentrum weist mit seinem Angebot auf das hin, was die Bewohner hier bewegt und interessiert. Konzerte mit Frank Schöbel und Chris Dörg werden, wie überhaupt die alten DDR-Themen, in den verschiedensten Fassetten neu aufgelegt.
Esoterische Angebote z.B. fehlen gänzlich. Ich vermisse sie nach 4 Jahren Schöneberg auch nicht und besuche dann lieber die Schwimmhalle. Ich habe eher den Eindruck, die Menschen sind hier einfach gestrickt, aber normaler als viele im übersättigten und abgedrehten Westen, wo der Egotrip groß geschrieben und das soziale Netzwerk staatlich verordnet und öffentlich gefördert aufrecht erhalten wird. In Schöneberg fand ich eine extreme Dichte dieses Phänomens vor. Man muss schon speziell sein, diese Mischung von sozialen und esoterischen Grenzgängern zu tolerieren. Mir fiel das zunehmend schwerer, zumal das Kloster-Café besonders viele dieser Spezies anzog und ermutigte, sich bei uns mit ihren Auffälligkeiten auszubreiten. So gesehen waren wir mit unserem Mystikansatz für diese Leute ein Missverständnis. Das war eine echt intensive Erfahrung in Schöneberg und zudem eine Loslassübung, für die ich dankbar bin.
Es geht durch die Medien, dass die Zahl der psychisch kranken Menschen in Deutschland wächst und Berlin das Feld anführt. Mir scheint, die Stadt zieht Menschen mit psychiatrischen Hintergrund aus dem ganzen Bundesgebiet und darüber hinaus an.
Es gab natürlich auch in Schöneberg die andere Seite. Genug des Rückblicks. Ich bin in der Gegenwart Marzahns angekommen. Das Hier und Jetzt will gelebt werden.
Dazu lädt mich das Buch von Wayne Teasdale ein, welches ich dieser Tage von einem Freundeskreismitglied geschenkt bekam. „Bruder Wayne Teasdale verbrachte den Großteil seines Lebens damit, den interreligiösen Dialog zu fördern, ist Vorstandsmitglied des Parlaments der Weltreligionen und hat viel Zeit mit großen spirituellen Persönlichkeiten wie dem Dalai Lama, Bede Griffiths oder Thomas Keating verbracht.“
Jean Housten sagt über dieses Buch: “Dieses herrliche Buch erweckt den Leser zu seiner eigenen mystischen Natur“ und Ken Wilber meint: „Ein wundervoller und weiser Weckruf für eine in ihre Einzelteile zerbrochene Welt.“
Und tatsächlich vermittelt es einen aufschlussreichen Überblick über die mystischen Inhalte und deren Praxis in den verschiedenen Religionen und über den transreligiösen Aspekt der mystischen Wege. Er lässt viele Stimmen der mystischen Welt zu Wort kommen, deren Gedanken hoch aktuell sind. So ein Zitat von Mahatma Gandhi: „Die Erde hat genug für die Bedürfnisse der Menschen, aber nicht für ihr Gier.“ Nach der letzten Finanzkrise sind vielen das Ausmaß menschlicher Gier und deren Folgen besonders den Ärmsten sehr deutlich geworden.
Wayne Teasdale bekennt sich als katholischer Christ. Wenn er Zustände in der Kirche kritisiert, dann in angemessener Weise, ohne es jedoch an der nötigen Klarheit fehlen zu lassen. Ich schätze sein Augenmaß in der Beurteilung religiöser Eigenarten, die lebendige Darstellung der spirituellen Wege, sowie seine religionswissenschaftliche Kompetenz. Und mir gefällt auch, dass er die christlichen Mystiker auf gleicher Augenhöhe mit denen des Ostens präsentiert. Oftmals erlebe ich Christen, die ihre eigene Tradition gering schätzen, aber bei der Annahme östlicher Praktiken und Unterwerfungen unter ihre Meister vom Regen in die Traufe kommen, ohne es selber zu merken.
Sehr nachdenkenswert macht mich bezüglich meiner Klostervision sein Postulat, die Mitglieder einer Kommunität sollten doch an einer Art gemeinsamen Grundgebets oder einer gemeinsamen spirituellen Praxis teilnehmen. Dieser Gedanke wurde an mich durch christliche Mönche und Nonnen immer wieder herangetragen. Dennoch lehne ich ihn wegen der individuellen Freiheit, auch bezüglich einer spirituellen Praxis, grundsätzlich ab. Jeder sollte seine je eigene Form finden und nicht zu einem gemeinsamen Vollzug gezwungen werden.
Für mich ist klar, dass ein mystisches Kloster die Austauschbarkeit der Wege geistlicher Praxis achtet und die Vielfalt der Formen als eine Bereicherung wertschätzt. Somit spiegelt Klostergemeinschaft im Kleinen wieder, was die Gesellschaft draußen im Großen lebt. Insofern teile ich diese Einschätzung nicht.
Sollte jemand dieses empfehlenswerte Buch lesen wollen, leihe ich es ihm gerne aus.
Soweit für heute.
Genießen wir noch die letzten kalten Februartage, die uns der Winter hier im Osten Deutschlands beschert, in Vorfreude auf den kommenden Frühling.
Euer/ Ihr Bruder Johannes