Liebe LeserInnen!
noch nie reagierten so viele LeserInnen auf einen Freundesbrief wie auf den letzten. Und einige, die sich sonst oft melden, schwiegen. Soziale Fragen scheinen die Menschen anscheinend mehr zu interessieren als mystische. Das spiegelt den Interessenstand der Gesellschaft wieder.
Der von mir verwendete Begriff „normaler“ für die Marzahner erregte Anstoß. Das Alternativangebot „Herz auf dem rechten Fleck“ erscheint mir nicht weniger schwierig, denn wer beurteilt, wo der rechte Fleck ist. Alles was wir aussprechen ist subjektiv.
Das Herumreiten auf den Ost-West-Konflikt ist mir auch über, aber wenn man von Schöneberg nach Marzahn zieht ist er deutlich zu spüren. Es fühlt sich an wie in einer anderen Welt, eine mir bekannte Welt, der ich in der DDR groß geworden bin. Und deshalb ist der Osten für mich weniger anstrengend, weil gewohnt. Und die Realität zu leugnen, nur weil sie mir nicht gefällt, bringt `s auch nicht.
Aber dieser Tage bewegen uns grenzüberschreitende Themen. Es sind die Themen von Ohnmacht gegenüber den Naturkatastrophen und von ausgeübter Macht gegenüber Schwächeren.
Und bei dieser Aussage wird schon in der Person Muammar al- Gaddafi deutlich, dass der gestrige Täter morgen möglicherweise Opfer werden wird, Opfer eines Raketenangriffs aus der Luft zum Beispiel. Der Starke ist morgen der Schwache. Der „Satan“ ist morgen der Märtyrer.
Bei Erdbeben und Sunamis sind sich die Menschen schnell einig. Es sind Naturereignisse ungeheuerlichen Ausmaßes, für die niemand verantwortlich gemacht werden kann. Selbst die Christen verzichten weitestgehend darauf, ihren Gott schuldig zu sprechen, der uns diese Schöpfung mit all den dazugehörigen Naturereignissen geschenkt hat. Wir müssen uns nach unseren Möglichkeiten davor schützen. Aber ist dass bei diesem Ausmaß wie gerade in Japan überhaupt möglich? Und es stellt sich die Frage: Ist Gott wirklich unschuldig?
Bei AKW-Unfällen und Kriegen ist das schon anders. Da hat der Mensch seine Finger im Spiel und trägt Verantwortung. Und gerade da stellen wir gerne die Frage, wie können Menschen andere Leben interessengeleitet vernichten, obwohl jede Religion und Moral ein solches Vorgehen verurteilt? Und sehr schnell kommen die Bilder vom Teufel ins Spiel, von dem Diktatoren und Mörder besessen seien. Nach christlicher und muslimischer Auffassung ist der Teufel nach wie vor eine personifizierte Wirklichkeit, die Macht und Einfluss auf diese Welt nimmt. Also ist er schuld an allem? Aber warum gab Gott ihm diese Macht?
Wir merken, dass wir mit solchen Erklärungsmustern keine Antworten finden. Die Frage nach dem Warum bleibt offen. Es ist nicht zu vermitteln, dass der Gott der Christen nur der barmherzige Vater sei angesichts des Elends in der Welt. Im Judentum ist Jahwe entsprechende der Tora immer auch der strafende und zürnende Gott, der seinem Volk Recht verschafft. Und wenn es sein muss auch mit Gewalt gegen Israels Feinde. Hier ist das System in sich noch stimmig.
Bleiben wir noch mal bei Gaddafi. Von manchen wird er gerne als der Teufel in Menschengestalt bezeichnet, der seine Gegner in Gefängnissen quält und sein Volk unterdrückt. Wenn das ein Grund für den Rücktritt ist, müssten etliche Staatschefs dieser Welt ihren Stuhl räumen.
Mystisch stellen wir uns die Frage, ist so ein Mann wie Gaddafi raus gefallen aus der göttlichen Einheit? Ist in ihm das Ewige, Unaussprechliche nicht mehr gegenwärtig?
Nein, denn es gibt keinen Ort, in dem Gott nicht gegenwärtig wäre. Insofern gibt es auch nicht die Hölle als Ort der Gottferne, denn es gibt keine Gottferne. Auch in der Hölle, was das auch immer sein mag, ist Gott anwesend. Denn in jeder Form hat sich das Göttliche manifestiert, auch in der Naturkatastrophe, auch in einem ungerechten Machthaber und wenn es einen personifizierten Teufel gibt, dann auch in ihm, also auch in Muammar al- Gaddafi.
Es mag sein, dass uns dieser Ausdruck des Göttlichen nicht gefällt, aber die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.
Dieser Tage fiel mir das Buch von Willigis Jäger „Das Leben endet nie“ in die Hände. Er widmet dort unter der Überschrift: „Auch ein Weltuntergang schmeckt nach Gott“ diesem Thema einen ganzen Artikel.
Zitat: „Dieser Ewige kennt kein Geborenwerden und Sterben. Dieses Ewige ist auch unsere wahre Existenz. Auch für uns gibt es nicht Geborenwerden und Sterben. Letztlich gibt es keinen Untergang. Untergang ist Übergang in eine andere Existenz-Form. Untergang ist ein Erleben anderer Art – und das nicht im Sinne eines Überdauerns des Ich, sondern im Sinne eines Weiterbestehens unserer wahren Identität.
Dieser Tage fiel mir das Buch von Willigis Jäger „Das Leben endet nie“ in die Hände. Er widmet dort unter der Überschrift: „Auch ein Weltuntergang schmeckt nach Gott“ diesem Thema einen ganzen Artikel.
Zitat: „Dieser Ewige kennt kein Geborenwerden und Sterben. Dieses Ewige ist auch unsere wahre Existenz. Auch für uns gibt es nicht Geborenwerden und Sterben. Letztlich gibt es keinen Untergang. Untergang ist Übergang in eine andere Existenz-Form. Untergang ist ein Erleben anderer Art – und das nicht im Sinne eines Überdauerns des Ich, sondern im Sinne eines Weiterbestehens unserer wahren Identität.
Gott ersteht im Baum als Baum, im Menschen als Mensch und in der Galaxie als Galaxie. Im Untergang ist er Untergang. Und so ist der Untergang in Wirklichkeit Aufgang, ist Vollzug Gottes, ist Evolution Gottes. Auch als Leiden und Sterben offenbart sich Gott. Geborenwerden und Sterben ist die Struktur Gottes. Es gibt keinen Weltuntergang, es gibt nur das Sich- Selbst- Gebären Gottes im Kommen und Gehen. Und das Vergehen ist so bedeutsam wie das Wiederkommen. Nicht nur das Auferstehen, auch das Untergehen ist der Herzschlag Gottes. Das eigentliche Problem, das wir haben, ist nicht das Sterben, sondern unsere Anhänglichkeit an eine bestimmte Form, an diese Form, die wir jetzt haben.“
Und Willigis Jäger geht noch ein Stück weiter. Zitat: „So rät uns die Mystik, Augenblick für Augenblick unseres Lebens zu leben. Niemand und nichts kann aus dem Einen herausfallen, auch nicht das Zusammenstürzen der Türme, auch nicht die Tat der Terroristen. – Untergehen und Aufgehen ist das Strukturprinzip des Einen, dass wir Abendländer Gott nennen.“
Klar ist, wo Menschen schuldig werden, muss diese Schuld benannt werden. Der schuldig gewordene Mensch bleibt dennoch ein Ausdruck des Göttlichen, auch wenn uns diese Seite Gottes nicht gefällt. Wir Christen schauen Karfreitag Jahr für Jahr auf die grausame Hinrichtung unseres Meisters Jesus am Kreuz. In diesem Geschehen ereignet sich Gott, sowohl in dem Opfer als auch in den Tätern. An dieser Realität kommen wir nicht vorbei. Hier sprechen die Christen sogar davon, dass der Vater seinen Sohn opfert zum Heil der Welt. Der Weg daraus führt über das Loslassen aller Bilder und Vorstellungen, auch über die Vorstellung eines nur barmherzigen Gottes.
Möge es uns gelingen, in der Passionszeit auch die Bilder des Leidens als einen göttlichen Ausdruck zu feiern.
Euer/ Ihr Bruder Johannes