August 2011

Liebe LeserInnen!

Am 9. Juli wurde der Berliner Erzbischof GeorgKardinal Sterzinsky in der Hewigskathedrale feierlich zu Grabe getragen. An diesem Requiem mit anschließender Beisetzung in der Unterkirche der Kathedrale nahm eine so große Zahl an Besuchern teil, dass die Feier auch auf dem Bebelplatz vor der Kathedrale übertragen wurde. Dem Verstorbenen gaben aber nicht nur viele Gläubige, sondern zahlreiche Bischöfe Deutschlands, der evangelische Bischof Berlins, Vertreter der in Berlin vertretenen Konfessionen, aber auch Personen des öffentlichen Lebens wie z.B. der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Renate Künst die letzte Ehre.

Auch ich war gekommen, nicht nur, um von dem von mir sehr geschätzten Berliner Bischof Abschied zu nehmen, sondern auch um einen Lebensabschnitt abzuschließen, und zwar den eines Mitglieds und Priesters der römisch katholischen Kirche. Zwar bin ich schon vor vielen Jahren zur Altkatholischen Kirche konvertiert, aber durch den verstorbenen Bischof gab es für mich immer noch eine Hintertür, die offen stand und gelegentlich lockte.

Es gab in meinem Leben drei sehr wertvolle Begegnungen mit Erzbischof Sterzinsky.

Die erste Begegnung hatte ich in der 80iger Jahren, als ich als Kaplan in der Benediktinerinabtei St. Gertrud Alexanderdorf bei ihm, damals noch Generalvikar des Erfurter Bischofs Aufderbeck, Exerzitien machte. Ich nutzte in diesen Tagen die Gelegenheit des Einzelgesprächs und erinnere mich an einen sehr einfühlsamen Priester. Im Gegensatz zum damaligen Berliner Kardinal Meisner, der gegen mein Gewissen autoritär den Gehorsam einforderte, hörte er meine Gewissensnöte und nahm sie ernst. Natürlich könnte man sagen, dass er es einfach mit mir hatte, da er nicht mein zuständiger Oberhirte war. Dass Generalvikar Sterzinsky 18 Jahre später die Nachfolge Kardinal Meisners in Berlin antreten und damit mein Vorgesetzter werden würde, ahnte damals noch niemand.

Bei meiner zweiten Begegnung mit ihm als meinem zuständigen Bischof durfte ich erleben, dass er in dieser Funktion ebenso einfühlsam war und das Gewissen seines Gegenübers respektiert. Im November 1995 erlaubte er mir in einem persönlichen Gespräch, als Arbeiterpriester ohne kirchliches Einkommen leben zu dürfen, was ihm im Priesterrat manch unangenehme Frage einbrachte. “Ein Bischof darf sich dem Wirken des Heiligen Geistes nicht entgegenstellen.” Mit diesen Worten entließ er mich aus dem Gespräch und er stand die ganzen Jahre zu seinem Wort. Nebenbei gesagt ist ja Kardinal Meisner, der vom Papst in das reiche Bistum Köln abberufen wurde, der Meinung, dass Gott vor allem durch ihn als Bischof spricht und nicht so sehr durch einen Untergebenen.

Ich durfte dann ehrenamtlich vertretungsweise für kranke und Urlaub machende Priester die Eucharistie feiern und Sakramente spenden. Regelmäßig war ich vor allem in den Sommermonaten zwischen der Insel Usedom und Berlin unterwegs, um an Sonntagen mit den Gemeinden die Eucharistie zu feiern und das Bußsakrament zu spenden. Einige Pfarrer luden mich bereits nach der ersten Vertretung nicht mehr ein, da sie manche Inhalte meiner Predigten nicht teilten oder für die “dummen” Gläubigen als verwirrend befanden.

Bei meinem Bischof Sterzinsky musste ich mich allerdings nie für meine Predigten rechtfertigen, wie es mir als Kaplan zu Zeiten von Kardinal Meisners erging, der dann seinen Weihbischof vorschickte, um mir zu erklären, dass ich nicht den Dienstwagen des Bischofs (es war ein Mercedes, den sich zu DDR-Zeiten niemand anders leisten konnte) zu kritisieren habe.

Erzbischof Sterzinsky ließ mich gewähren und machte mir die Flügel nicht unnötig schwer. Allerdings lehnte er auf meine Anfrage hin die Ausbildung zum Exerzitienmeister ab mit der Begründung, dass er sich nicht sicher sei, ob ich die Gläubigen im Sinne der Kirche führe. Hart war damals die Antwort für mich, aber Recht hatte er. Er wusste also genau, was ich predigte und sicher haben es ihm Gläubige und Priester zugetragen. Aber irgendwann erkannte ich selber, dass ich in diesem Zwiespalt nicht länger leben und nicht länger unwahrhaftig sein wollte. Und so konvertierte ich zur Altkatholischen Kirche, eine vom Papst seit dem dem 1.Vatikanum 1870 unabhängige und reformierte katholische Kirche, die das Frauenpriestertum einführte, den Zölibat für Pfarrer aufhob, Abendmahlsgemeinschaft mit anderen Kirchen pflegt, keine Sanktionen für geschiedene Wiederverheiratete kennt und synodal strukturiert ist.

Dass mir diese Kirche auf meinem Weg, ein interreligiöses mystisches Kloster zu gründen, bis auf den heutigen Tag keine Hilfe war, ist ein anderes Thema.

Ja, und dann gab es noch eine letzte Begegnung mit Erzbischof Sterzinsky, nachdem ich ihm und allen Freunden und Bekannten in einem langen Brief die Gründe für meinen Übertritt in die Atkatholische Kirche mitteilte. Obwohl meine Entscheidung getroffen war, wünschte er ein Gespräch, indem er sich als ein echter Seelsorger und einfühlsamer Mitbruder zeigte. Ihn quälte die Frage, ob er nicht genug getan habe, um mir die Freude am Dienst in der Kirche zu erhalten.

Natürlich wünschen sich viele Priester, dass ihnen ihr Bischof Seelsorger und geistlicher Begleiter sei. Das bleiben die Bischöfe häufig ihren anvertrauten Priestern schuldig, ebenso wie viele Pfarrer ihren Gemeindemitgliedern. Aber dieser Bischof hat dieses Anliegen wenigstens gespürt. Er zeigte sich als ein sehr liebevoller Mensch, der auch kritische, anfechtbare Geschehnisse zulassen konnte, ohne die Autoritäts- und Moralkeule zu schwingen.

Auf diesem Bild, wo er mit einem Jungen das Hütchen tauschte, zeigt er etwas von seiner inneren Lebendigkeit und Spontanität, die er selten nach außen trug, die aber im Einzelgespräch spürbar wurde.

Bei dieser Begegnung versicherte ich ihm, dass nicht er der Grund meines Abschieds von dieser Kirchesei, sondern der Reformstau und die Unbarmherzigkeit in unserer Kirche. Ich kritisierte konkrete Punkte, was er sich widerspruchslos ohne Intervention anhörte. Und ich bat ihn, dass er sich in Rom zusammen mit anderen offenen Bischöfen für Erneuerungen einsetzen möge, da so viele Gläubige und nicht zuletzt Priester darunter leiden, wenn sie z.B. dem evangelischen Partner eines Gemeindemitglieds oder geschiedenen Verheirateten die Kommunion verweigern müssen. Fast weinerlich erklärte er mir, dass die nun auszusprechende Exkommunikation eine Beugestrafe sei, die darauf abzielt, in den Schoß der Kirche zurückzukehren, was er sich sehr wünschen würde. Und das war mein Hintertürchen, was ich mir bis zum Tag seiner Grablegung offen hielt. Als der Sarg in die Grabesnische geschoben wurde, beerdigte ich den Gedanken der Rückkehr und schloss mit dem Tod dieses mir lieb gewordenen Bischofs meine Hintertür.                                                       Am Ende des Abschiedsgesprächs schloss er mich in seine Arme und drückte mich so fest an sich, so dass es für mich keinen Zweifel gab: Er würde mich zu jeder Zeit wieder mit offenen Armen aufnehmen.

Nun habe ich diesen Lebensabschnitt in Dankbarkeit losgelassen und widme mich dem Aufbau des interreligiösen mystischen Klosters in Rittgarten.

Lass Bischof Georg ruhen in Frieden. Amen.

Euer Bruder Johannes

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