November 2011
Liebe LeserInnen,
im November gedenken wir der Toten, am Allerseelentag, dem 2. November die Katholiken, am Totensonntag (Ewigkeitssonntag), der letzte Sonntag vor dem 1. Advent, die Protestanten. Die Christen besuchen an diesen Tagen die Gräberstätten Ihrer Verwandten und Lieben, um ihrer zu gedenken und Gebete und Segnungen zu vollziehen. In katholischen Gegenden, wie hier auf dem Foto eines Friedhofs in Auschwitz sichtbar, werden reichlich Kerzen auf den Gräbern angezündet in Erinnerung daran, dass Christus, der wie das Licht in das Dunkel dieser Welt kam, die Verstorbenen zum ewigen Licht führen möge.
Von Fulbert Steffensky fand ich in Publik Forum einen Artikel zum Thema Glaubensbekenntnis der Christen. Zitat: „Ich liebe das Glaubensbekenntnis, weil es eine Ansammlung von frechen Unsäglichkeiten ist: Ich glaube an Gott – gegen alle Erfahrung der Absurdität des Lebens. Ich glaube an Gott, der in Christus unser Menschenschicksal teilt; eine größere Unmöglichkeit kann man sich nicht ausdenken. Ich sage „geboren aus der Jungfrau Maria“, und ich behaupte damit, dass die Rettung des Menschen mehr ist als das Resultat menschlicher Möglichkeiten. Die frechste Bemerkung: Ich glaube an die Auferstehung der Toten, weil ich keinen verkommen lassen will.“ …und man könnte weiter sagen, weil ich mir für jeden Menschen die Erlösung wünsche, dass es allen meinen Lieben gut geht, dass alle Frieden in ihren Herzen finden hier und im Jenseits, letztlich, dass alle in den Himmel kommen, sei es hier auf Erden oder in der Ewigkeit, wo sie eins und geborgen in Gott sind, weil sie zurückgekehrt sind in die göttliche Einheit.
Wenn mir ein Christ Gesundheit wünscht, weil sie das Wichtigste sei, hat er seinen eigenen Glauben nicht wirklich durchdrungen. Dass wir in den Himmel kommen, ist das Wichtigste, denn unser Meister Jesus sagt: Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hack sie ab, den es ist besser einhändig in den Himmel zu kommen als zweihändig in die Hölle.
Wir Christen müssen wieder anfangen, das zu leben, was wir im Credo bekennen, und die Prioritäten neu zu setzen. Dann werden sich die Menschen auch nicht fortschreitend vom Christentum abwenden. Ich habe mit dem christlichen Glaubensbekenntnis als Mystiker gar keine Schwierigkeiten, denn ich folge den Gedanken von Fulbert Steffensky der sagt: „Die Qualität des Textes über seine Qualität hinaus besteht darin, dass so viele Menschen vor uns ihre Hoffnung und ihre Lebensvisionen in diesen Text geschüttet haben. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat es im Gefängnis getan; Ita Ford, die Nonne, die in El Salvador ermordet wurde, hat es getan; meine Mutter und mein Vater haben es getan…. Das Glaubensbekenntnis gehört zum Gottesgespräch meiner Toten. Dieses höre ich, in dieses trete ich ein, in dieses schreibe ich meine eigenen Wünsche und Hoffnungen ein. Es sind die großen Gedichte von anderen Generationen, die ich lese. Ich frage nicht, ob sie in allem richtig sind. Und doch trinke ich von einer alten Wahrheit. Ich lasse ihnen ihre Fremdheit und nehme teil an ihrer Wahrheit, an der Wahrheit ihres Hungers nach Gott, nach Hoffnung, nach Gerechtigkeit, nach Schönheit. Mein Gaststatus macht es mir möglich, in den alten Zelten der Hoffnung zu wohnen.“
Nun möchte an die Schilderungen der letzten beiden Freundesbriefe anknüpfen und die Frage aufwerfen, was hat sich in den sieben Jahren meiner Rückkehr in die Uckermark bei mir verändert?
Für jeden sichtbar bin ich dicker geworden. Man sieht mir die 100 kg an wie auf dem Foto im neuen Bioladen deutlich wird. Die ständige Versuchung, abgelaufene Produkte im Laden nicht schlecht werden zu lassen, ist riesig und für mich eine harte Herausforderung, der ich bei Käse und Kuchen schwer wiederstehen kann, obwohl mein Ernährungsideal das eines Ovo- Vegetariers ist. Eine Loslassübung, die bei mir noch nicht zum nötigen Erfolg geführt hat.
Andere Loslassübungen sind mir besser geglückt.
- Meiner Bilder von Gott und dem Jenseits, von Himmel, Fegefeuer und Hölle, aber auch von Reinkarnation und Nirwana konnte ich loslassen. Letztlich glaube ich, dass wir über die jenseitigen Dinge nichts wissen und die Erfahrungen der Erleuchteten die menschlichen Dimensionen so übersteigen, dass ihnen das verbale Handwerkszeug fehlt, darüber Aussagen zu treffen. Das Unbenennbare ist eben nicht benennbar. Das Bildlose ist nicht zu bebildern, die Leerheit ist nicht zu beschreiben.
- Den Wunsch nach Rückkehr in die Römisch-katholische Kirche habe ich mit der Beerdigung des Berliner Erzbischofs Georg Kardinal Sterzinsky mit in sein Grab gelegt. Ich berichtete darüber ausführlich im Freundesbrief August 2011.
- Die Sonderheit der christlichen Religion und Mystik legte ich zugunsten der Austauschbarkeit der Wege ab, da alle diese Wege zum Ziel führen können.Übrigens wird im 2. Vatikanischen Konzil der Römisch- katholischen Kirche der Satz: Außerhalb der Kirche kein Heil. (Extra ecclesiam nulla salus.) so gedeutet, dass es ohne die Kirche in dieser Welt kein Heil gibt, aber Menschen anderer Religionen ebenfalls zum Heil gelangen können. Den Absolutheitsanspruch auf die Wahrheit hat die Kirche jedoch nicht aufgegeben.
- Die Wertungen tauschte ich zu Gunsten des Gleichheitsgedankens aus, gemäß den Worten Meister Eckharts in dem Buch der Tröstungen: „Gleichheit in allen Dingen, insbesondere aber und zum ersten mehr noch in göttlicher Natur, ist Geburt des Einen, und Gleichheit von dem Einen, in dem Einen und mit dem Einen ist Beginn und Ursprung der blühenden, feurigen Liebe.“ Wenn die Christen diese Auffassung von der Gleichheit in allen Dingen lebten, gäbe es keine Massentierhaltung und die daraus resultierenden Folgen für den Menschen.
- Gedachte Systeme, Hierarchien, Machtstrukturen, Namen und Titel werden für mich immer unbedeutender, da sie uns zur Herrschaft über andere führen. Hierarchien in spirituellen Gemeinschaften führen nicht selten zu Machtmissbrauch, Unterdrückung und Abhängigkeit. Ich beobachte das in allen Religionen. Wo die Gleichheit nicht Platz greift, sondern einer über dem anderen steht, entstehen unselige Machtkämpfe, die bis zur zerstörung führen können. Der Schlüssel für die Lösung dieses Problems ist der „Innere Meister“, der jedem in gleicher Weise innewohnt. An diesem Thema arbeite ich und muss diese Loslassübung noch zum Erfolg führen. Die Konsequenzen und die Ergebnisse für unsere mystische Übungsgemeinschaft werde ich zu gegebener Zeit mitteilen.
Zum Schluss möchte ich mich wieder bei allen, die unsere Klosteridee geistig und materiell unterstützen, herzlich bedanken.
Was unsere Verstorbenen bereits erleben durften, steht uns noch bevor. Wir dürfen gespannt sein.
Euer Bruder Johannes